Es geht mal wieder ganz schön turbulent zu bei den Angerers. Während Mama Anja den kleinen Paul (9 Mon.) für den anstehenden Termin beim Kinderarzt fertig macht, beschwert sich Tochter Carlotta (8) lautstark darüber, dass Mama mit ihr immer noch nicht die Strohsterne für den Wohltätigkeitsbasar an der Schule gebastelt hat, obwohl sie diese doch übermorgen schon abgeben muss. Das Ganze wird untermalt durch lautes Geheule von Jonas (5), der seinen Vanillepudding versehentlich vom Tisch gestoßen hat und jetzt zusehen muss, wie sich Familienkater Sammy genüsslich darüber hermacht.
Während Anja versucht das Chaos in den Griff zu bekommen, überlegt sie schon, wie sie es schaffen kann, Kinderarzttermin, Bastelaktion, Elternabend für die Vorschulkinder und das Abendessen unter einen Hut zu bringen. Seit Papa Christian bei einer Spedition als Fernfahrer angefangen hat und sehr viel unterwegs ist, muss Anja den Familienalltag mit den drei Kindern nahezu alleine stemmen. „Da ist alles eng getaktet und es bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich nur noch von einer Katastrophe zur nächsten steuere, ich war total gestresst und konnte irgendwie gar nicht mehr entspannt mit den Kindern umgehen. Und je mehr ich versuchte, Herr der Lage zu bleiben, umso mehr ging schief“ so Anja Angerer. Doch die Angerers hatten Glück. Durch eine andere Mama erfuhr Anja von dem Projekt „Familienpaten“, das im Landkreis vom Kinderschutzbund Günzburg angeboten wird. Hier werden Familien auf Wunsch – im oft turbulenten Alltag mit Kindern – begleitet und unterstützt. So lernte die Familie „Oma Lang“ (69) kennen. Die agile Ruheständlerin war in ihrem Berufsleben lange bei einer Versicherung beschäftigt. „Da hatte ich fast nur mit Zahlen und wenig mit Menschen zu tun. Ich wollte, nachdem ich in Rente war, einfach mal „mitten ins Leben“. Eigentlich dachte ich immer, dass ich nach dem Arbeitsleben mal total viel Zeit mit meinen Kindern und meinen Enkeln verbringen würde, aber das ist schwierig. Meine Tochter wohnt mit ihrer Familie in Hamburg und mein Sohn mit seiner Frau in Berlin. Als ich von der Möglichkeit erfahren habe, eine Familienpatenschaft zu übernehmen, wollte ich mir das eigentlich nur mal anschauen, aber die Kinder meiner ersten Patenfamilie haben mich gleich um den Finger gewickelt, so dass ich meine Besuche dort sehr erfüllend fand und die Patenschaft unbedingt weiter übernehmen wollte.“ Die Angerers sind bereits die vierte Patenfamilie, die Erika Lang im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements übernommen hat. „Die Kinder sind einfach toll!“, schwärmt sie „Carlotta ist so ein interessiertes Mädchen, sie will immer basteln, handarbeiten oder musizieren. Jonas ist ein richtiger Wirbelwind, mit ihm geh´ ich total gerne raus in den Wald oder wir besuchen die Ziegen. Und Paul, das Baby – der schläft jedes Mal ein, wenn ich ihm vorsinge“, lacht die Familienpatin. Man merkt, dass sie in ihrer Rolle aufgeht. Und Mutter Anja? Sie hatte zuerst ein wenig Scheu, sich Unterstützung ins Boot zu holen, aber inzwischen ist sie so überzeugt von dem Konzept der Familienpaten, dass sie die Information, dass es diese Möglichkeit der Unterstützung gibt, gerne an andere Mütter oder Väter weitergibt. „Eigentlich müsste man das noch viel stärker bekannt machen. Wenn ich manchmal mitkriege, wie gestresst auch andere Eltern oft mit ihren Kindern sind, bin ich sicher, dass in vielen Familien ein bisschen Unterstützung gut täte.“
„Das Beste, seit uns Oma Lang (die sich diesen Titel übrigens selbst ausgesucht hat,) besucht, ist, dass ich mich in dieser Zeit dann einfach mal in Ruhe um EIN Kind kümmern kann und nicht das Gefühl habe, dass ich mich eigentlich dreiteilen müsste. Die Kinder genießen das total und es kommt keiner zu kurz, das ist auch ein schönes Gefühl für mich.“ Überdies hat die Patin auch mal ein Ohr für andere Sorgen. So hat sie die Angerers auch schon öfter mal bei diversem „Papierkram“ unterstützt, Formulare ausgefüllt, oder einen Fahrdienst übernommen. Sie betrachtet sich als eine „Freundin der Familie auf Zeit“, die in turbulenten Zeiten ein Fels in der Brandung ist.
„Die Familienmitglieder und ich wissen, dass es Ziel ist, dass es die Familien dann irgendwann auch ohne mich schaffen. Ob und wie eng wir dann aber, auch über die Zeit der Patenschaft hinaus befreundet bleiben wollen, das ergibt die Zeit.“
Die Familienpaten des Landkreises Günzburg verbringen (nach Vereinbarung) ein paar Stunden in der Woche Zeit mit den Kindern in ihren Patenfamilien. Das ist Zeit, die sie mit den Kindern frei gestalten, Fahrdienste für Eltern übernehmen, bei Alltagsentscheidungen den Rücken stärken, bei den Hausaufgaben helfen, zu Behördenterminen begleiten oder einfach für die Familie da sind und zuhören.
Vor dem Einsatz werden die Paten in einer intensiven Schulung auf ihre Tätigkeit vorbereitet und im Einsatzzeitraum von ihrer Koordinatorin begleitet. Sehr geschätzt werden von den Ehrenamtlichen auch die monatlich stattfindenden Treffen, bei denen sie sich informieren und austauschen können.
Haben Sie jetzt Lust bekommen, vielleicht auch eine Familienpatenschaft zu übernehmen, oder haben Sie Interesse an einer Begleitung durch einen Familienpaten, dann finden Sie nähere Informationen unter familienpaten@ksb-gz.de oder bei der Koordinatorin der Familienpaten, Tina Wowra, Tel. 08221/278590